Jüdische Gemeinde hat Grundstein der alten Synagoge zurückerhalten

Die Jüdische Gemeinde zu Oldenburg hat in einem Festakt am 19. Juni 2019 im Alten Rathaus offiziell den Grundstein der alten Oldenburger Synagoge zurückerhalten. Der Grundstein befand sich lange Jahre im Bestand des Stadtmuseums Oldenburg und konnte im Zuge der dortigen Provenienzforschung als verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut restituiert werden. „Wir freuen uns sehr, der Jüdischen Gemeinde heute offiziell den Grundstein der 1938 zerstörten Synagoge zurückgeben zu können“, sagte Oberbürgermeister Jürgen Krogmann am Tag der Rückgabe.

„Dass der Grundstein von nun an als Leihgabe im Stadtmuseum bleibt, drückt zugleich die enge Verbundenheit zwischen der Gemeinde und der Stadt Oldenburg aus und hält die Erinnerung an das entstandene Unrecht auch in Zukunft wach“, so Krogmann weiter.

Grundstein bleibt als Leihgabe weiter am Stadtmuseum

Sowohl der Grundstein als auch wesentliche Teile des ehemaligen Inhalts sind seit Sommer 2019 im Stadtmuseum ausgestellt. Als Teil der Dauerausstellung auch im späteren Neubau des Museums soll der symbolhaltige Stein einen wichtigen Platz einnehmen, um an die Geschichte der Jüdinnen und Juden in Oldenburg und die Verbrechen der NS-Zeit zu erinnern, wie Dr. Elisabeth Schlesinger, erste Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Oldenburg, betonte: „Gerne geben wir den restituierten Grundstein der 1938 zerstörten Oldenburger Vorkriegs-Synagoge als steinernen Zeugen und als Dauerleihgabe an das Oldenburger Stadtmuseum. Erinnern und Lernen: Für das jüdische Volk ist das von jeher ganz essentiell und es deckt sich mit dem Auftrag eines Museums.“

Erinnern weiter von Bedeutung

Das Erinnern habe nicht an Bedeutung verloren, ganz im Gegenteil, so Schlesinger in ihrer Rede anlässlich der Restitution: „Die Zeit der Weimarer Republik ist sicherlich nicht mit der heutigen Zeit zu vergleichen. Aber in mancherlei Hinsicht wecken die aktuellen politischen Entwicklungen in Deutschland, in Europa und auch weltweit mit dem wieder aufkeimenden Nationalismus und dem Erstarken der rechtspopulistischen Bewegungen und Parteien ungute Erinnerungen und Befürchtungen, nicht nur bei jüdischen Menschen. Die verhängnisvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts soll sich nicht in abgewandelter Form wiederholen!“

Geschichte des Grundsteins

Der Grundstein war 1854 in der Peterstraße im Beisein von Großherzog Nicolaus Friedrich Peter, Regierungsvertretern und Geistlichen der christlichen Gemeinden feierlich gelegt worden. In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 setzten die Nationalsozialisten die Synagoge in Brand und zerstörten sie. Die Stadt Oldenburg trug die Trümmer ab und nahm  das leere Grundstück zunächst in Besitz. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde es zurückgegeben an die wenigen Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, die überlebt hatten und geblieben oder zurückgekehrt waren. Mangels Möglichkeiten verkauften sie das Grundstück an eine Versicherungsgesellschaft - mit dem noch im Erdreich verborgenen Grundstein der Synagoge.

Erst 1959 wurde der Grundstein bei Bauarbeiten in der Tiefe entdeckt. Während sein Inhalt damals an die Jüdische Kultusvereinigung zu Oldenburg e.V. übergeben wurde, gelangte der leere Stein, bestehend aus zwei großen gehöhlten Sandsteinhälften, in die Sammlungen des Stadtmuseums Oldenburg. Obwohl der Stein noch 1988 in der Sonderausstellung „Die Geschichte der Oldenburger Juden und ihre Vernichtung“ gezeigt wurde, geriet er danach im Magazin des Stadtmuseums für lange Zeit in Vergessenheit. Erst die Provenienzforschung am Stadtmuseum brachte ihn wieder in Erinnerung.

Inhalt des Grundsteins

Der ursprüngliche Inhalt des Steins befindet sich heute im Besitz des Braunschweigischen Landesmuseums. Er umfasst eine Grundsteinplatte mit Segensinschrift, eine weitere, kleine Platte mit Psalmeninschrift, zwei Oldenburger Münzen und eine aufgebrochene Zeitkapsel. Diese Objekte sind im Stadtmuseum Oldenburg als langfristige Leihgaben aus Braunschweig zu sehen. Darüber hinaus enthielt der Grundstein eine Grundrissskizze, eine Glaubens- und Pflichtenlehre, ein Gesetzesblatt und einen Zeitungsauschnitt, die derzeit allerdings aus restauratorischen Gründen nicht ausgestellt werden können. Vermutlich war außerdem eine Medaillondose enthalten, deren Verbleib bisher unbekannt ist.

Provenienzforschung gefördert

Die Restitution des Synagogen-Grundsteins wurde durch die aktuelle Provenienzforschung am Stadtmuseum ermöglicht. Das langfristige Projekt wird von der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste großzügig finanziell unterstützt. Als Vertreterin der Stiftung unterstrich Sophie Leschik in ihrem Grußwort auf der feierlichen Restitutionsveranstaltung die Bedeutung der Provenienzforschung und die Freude über die gelungene Rückgabe.

 

Online-Artikel, 20.06.2019, Deutsches Zentrum Kulturgutverluste:
Jüdische Gemeinde Oldenburg erhält Grundstein der alten Synagoge »

Zeitungsartikel, 20.06.2019, Nordwest-Zeitung:
Stadt gibt Synagogen-Grundstein zurück »