Die Suche nach Karl

Zeit der Ungewissheit

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Todes-Anzeige von Karl Bulling. Bild: © Stadtmuseum

Karl Bullings Familie hat ungefähr ein halbes Jahr lang nichts von seinem Tod erfahren. Aus diesem Grund hat Anna Bulling weiterhin Briefe nach Taschkent geschrieben und Karls Schwester Elli hat noch im Februar versucht eine sichere Verbindung für Geldsendungen nach Russland herzustellen. Frau Chamorel aus der neutralen Schweiz hatte sich bereit erklärt, als Vermittlerin von ihrer Adresse aus Geldsendungen an Karl zu verschicken.

Die verschiedenen Briefe zeigen sehr unterschiedliche Stimmungen in dieser ungewissen Situation. Anna Bullings schrieb an Karl mit einer eher hoffenden Stimmung. Auch Elli schrieb in ihren Briefen an die Mutter wiederholt und immer eindringlicher von ihrem guten Gefühl, dass bald Nachrichten von Karl kommen würden. Diese Ermutigungen lassen vermuten, dass Karls Mutter von Sorgen und Kummer geplagt war, welche sie vor Karl verbergen wollte. Schließlich sendete Karls Vater Heinrich Bulling Nachrichten an andere Kriegsgefangene, um von ihnen etwas über Karls Verbleib zu erfahren.

 

Traurige Gewissheit

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Gedruckte Trauerfeier aus dem Nachlass der Familie Bulling. © Stadtmuseum

Im Juni 1916 erfährt die Familie schließlich von Karls Tod. Die Familie gab Todesanzeigen auf, Kondolenz-Briefe von Verwandten trafen ein und die Eltern versuchen die Umstände des Todes in Erfahrung zu bringen. Dabei trat der Kriegsgefangenenschutz des Kriegsministeriums als Vermittler auf und ermöglichte den Eltern Kontakte zu Mitgefangenen. Auch die Schwestern des Roten Kreuzes wurden kontaktiert. Die Antworten der früheren Mitgefangenen enthielten zunächst nur fragmentarische Informationen und verschwiegen die Wahrheit über die Zustände in den Lagern. Solange sie selbst noch in Kriegsgefangenschaft waren, fürchteten sie die russische Kriegszensur. Denn auch ihre Briefe wurden kontrolliert. Erst als ein Kamerad in die Heimat entlassen wurde, hat er die Härten der Kriegsgefangenschaft offen ausgesprochen.

Nachdem die Eltern die Umstände von Karls Tod erfahren hatten, erkundigten sie sich fortwährend nach dem Zustand seiner letzten Ruhestätte oder verfolgten Zeitungsberichte. So knüpften sie Kontakt mit dem deutschen Asienforscher Dr. Willi Rickmers, der während der Deutsch-Sowjetischen Alai-Pamir-Expedition im Jahr 1928 nach Zentralasien auch die Kriegsgefangenenfriedhöfe besuchte, welche auf dem Weg lagen. Er versicherte ihnen, dass die Gräber auch zehn Jahre nach Kriegsende noch in verhältnismäßig gutem Zustand gewesen seien. Ein letztes Zeugnis der Gedanken der Familie an Karl ist ein Zeitungsartikel von 1956. Als sollte er einen letzten unglückseligen Schlusspunkt setzen, berichtete er von einem nicht näher verorteten Friedhof bei Taschkent, der bereits 1928 verwahrlost war. Dort konnte nur das Denkmal einer steinernen Sphinx dem Verfall widerstehen.

 

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