In russischer Kriegsgefangenschaft

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Karl Bullings Stationen während des Kriegsgefangenen-Transports. © Stadtmuseum

In Sicherheit?

Die Kriegsgefangenschaft ändert Karl Bullings Leben komplett. So konnte er während des Transports ins Innere des Zarenreiches Briefe abschicken, jedoch konnte er die Antworten noch nicht empfangen. Ihm fehlte vorerst eine feste Adresse in einem Kriegsgefangenenlager. Nach Aufenthalten in Moskau und Ufa am Uralgebirge endete seine Odyssee im Troizki-Lager in der Nähe von Taschkent, Zentralasien.

Trotzdem zeigte sich Karl Bulling gut gelaunt. Er entwarnte seine Familie. Nun bedrohten ihn die Frontkämpfe nicht mehr und er konnte sich von den Anstrengungen des Frontalltages erholen. Die Stimmung unter den Kameraden sei gut und die Verpflegung ausreichend, zumal er noch genügend Geld dabei hatte.

 

In Gefahr!

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Kriegsgefangenensendungen aus Moskau, Ufa und Taschkent sowie Postkarte aus Ellwürden. © Stadtmuseum

Die Situation verschlechterte sich bereits nach einem Monat in Kriegsgefangenschaft. Karl bat von Ufa aus um Geldsendungen. Dieses Thema verdrängte fortan die Beschreibung seiner Verpflegung, die bisher in seinen Briefen viel Platz eingenommen hatte. Erst im Dezember schrieb er von erhaltenen Geldsendungen und Briefen, welche die Familie Anfang Oktober abgeschickt hatte. Der Briefverkehr mit seiner Familie war nun deutlich schwieriger – eine Sendung war zwei Monate unterwegs. Wegen der russischen Kriegszensur erhalten wir durch Karl Bullings Briefe keine tieferen Einblicke in das Leben in der Kriegsgefangenschaft. Darüber erfahren wir erst etwas durch die Berichte der Rückkehrer und durch die spätere Forschung.

Russland war auf die verschiedenen Herausforderungen durch den Krieg nicht vorbereitet. Wegen der schlechten Kriegswirtschaft und Logistik wurden sowohl die eigenen Soldaten als auch die Kriegsgefangenen unzureichend versorgt. Kriegsgefangene, Post und andere Sendungen waren lange unterwegs. Zusätzlich verzögerte die russische Kriegszensur den Postverkehr erheblich. Auch die räumlichen Kapazitäten der Kriegsgefangenenlager waren völlig unzureichend. Theoretisch regelte zwar die Haager Landkriegsordnung die Behandlung von Kriegsgefangenen. Russland konnte deren Bestimmungen jedoch nicht annähernd einhalten. Unterversorgung, Überbelegung, schlechte Hygiene und harte Arbeit machten die Kriegsgefangenschaft in Russland genauso tödlich wie die eigentlichen Kämpfe an der Front.

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Unbekannte Kriegsgefangene in einem Kriegsgefangenenlager. © Stadtmuseum

Ein wichtiger Augenzeuge der Zustände im Troizki-Lager war der österreichische Kriegsgefangene Rudolph Köstenberger. Dieser veröffentlichte seine Erlebnisse in Form seines Buches „Sechs Jahre in Turkestan“. Darin berichtet er, dass die Lebensmittelversorgung bis Sommer 1915 relativ gut gewesen sei. Jedoch wurden die Rationen der Kriegsgefangenen als Vergeltung für die erlittenen Niederlagen gekürzt. Die Gefangenen konnten die Ernährung auf eigene Kosten verbessern. Auch spendeten deutschstämmige Siedler Nahrungsmittel. Aber das änderte kaum etwas an der allgemeinen Unterernährung. Das Lager war überbelegt, die Kriegsgefangenen mussten beim Bau ihrer eigenen Barracken harte Arbeit leisten, die Hygiene war äußerst schlecht und das Trinkwasser war teilweise verseucht. Unter diesen Bedingungen brachen im Winter 1915/1916 dicht aufeinanderfolgend die Ruhr, das Fleckfieber und die Cholera im Lager aus. Die Opferzahlen variieren je nach Quelle. Sie berichten davon, dass jeder vierte oder sogar jeder zweite Kriegsgefangene im Lager während der Epidemien bis zum Frühjahr 1916 gestorben ist.

 

Der Winter 1915/16

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Grab auf Friedhof in Russland - jeweils ohne weitere Angaben. © Stadtmuseum

Im Dezember verschlechtert sich Karls Gesundheitszustand. Monatelange Mangelernährung hat vermutlich seine Widerstandskraft geschwächt. In seinem letzten Brief vom 23.12.1915 sprach er davon, dass er bereits seit zwei Wochen im Spital des Kriegsgefangenenlagers lag. Wahrscheinlich hat Karl auch den Namen der Krankheit seinen Eltern mitteilen wollen, jedoch hat die russische Kriegszensur diesen Namen der Krankheit wegradiert. Er selbst sprach von Magenbeschwerden und Kameraden sprachen später von Durchfall. Nach zwei Wochen ging es ihm wieder besser. Vermutlich erkrankte er also an der Ruhr.

Karl Bullings Genesung war jedoch nur vorübergehend. Ein Kamerad berichtete später, dass Karl während der Fleckfieber-Epidemie nach Weihnachten ins Spital gekommen war. Auch während dieser zweiten Erkrankung trat eine scheinbare Besserung ein. Kurz darauf verschlechterte sich sein Zustand jedoch rapide, sodass Karl Bulling schließlich am 19.01.1916 im Spital des Troizki-Lagers an Fleckfieber verstarb.

 

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