Umwege zur Front

Von der Seewehr zur Infanterie

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Karl Bullings Stationen während der Ausbildung und auf dem Weg an die Ostfront. © Stadtmuseum

Mit dem Kriegsausbruch begann für die Familie Bulling eine Zeit der Ungewissheit. Karl Bulling meldete sich freiwillig zum Kriegsdienst und auch sein Onkel Tedel sowie sein Schwager Hans Brauer, der Ehemann von Karls Schwester Elli, zogen in den Krieg. Das versetzte die Familie verständlicherweise in große Aufregung. So schreibt Karl Bullings Mutter Anna Bulling im ersten Brief an ihren Sohn seit Kriegsausbruch:"Wohl noch nie ist die Post von uns mit solcher Sehnsucht erwartet worden." (Anna Bulling an Karl, 08.08.1914)

Für Karl begann diese aufregende Zeit mit einem vermeintlichen Irrtum. Er kam zunächst zur Seewehr, bat jedoch seinen Vater seine Versetzung zu erwirken. Schließlich sei er "gebildet" und sprach fließend Englisch sowie Französisch. Bereits Ende August arbeitete er bei der Marine-Garnisonsverwaltung als Maschinenschreiber. Es blieb ihm jedoch nicht vergönnt, an dieser Einsatzstelle fern der Front seinen Kriegsdienst zu leisten. Ende Oktober wurde er zur Infanterie versetzt und kam zur Ausbildung nach Oldenburg zum Ersatzbataillon Nr. 91. Dessen Aufgabe war es laufend neue Rekruten für die Kampfeinheiten an der Front auszubilden. Im Januar wurde er in das Militärlager bei Munster beordert und wartete auf den Einsatzbefehl. Anfang März schließlich wurde er per Zug an die Ostfront verlegt.

 

 

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Poststempel von Karl Bullings Feldpostkarten. © Stadtmuseum

Im Lager

Die Ausbildung und das Militärlager bildeten einen ersten Einschnitt in Karls Leben. Die militärischen Übungen waren anstrengend für den ehemaligen Kaufmann und Bürobediensteten. Er klagte nach den Märschen oft über schmerzende Füße. Karl erhielt auch einen ersten Vorgeschmack darauf, welche Einschränkungen Soldaten erfahren konnten. Als ein Kamerad in einer anderen Barracke an Genickstarre erkrankte, musste er mit den Männern seiner Barracke dennoch in Quarantäne bleiben.

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Briefe vom Truppen-Transport nach Ostpreußen - mit Stempel der Postüberwachungsstelle. © Stadtmuseum

Abseits dieser Einschränkungen konnte Karl Bulling sich allerdings weiterhin mit seiner Familie treffen oder seine Schwester in Oldenburg besuchen. In Munster konnte er mit seinen Kameraden zuweilen in das Hotel Sandkrug einkehren, um der Lageratmosphäre zu entkommen. Mit dem Abtransport an die Ostfront Anfang März 1915 änderte sich das grundlegend.

Die Stimmung in der Familie

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Karl Bulling (rechts) mit Kamerad. © Stadtmuseum

Interessant ist nicht nur der Weg an die Front, sondern auch wie die Stimmung in der Familie gewesen ist. Die Bilder und Filmaufnahmen aus dem August 1914 erinnern uns meist an jubelnde Menschenmassen bei Kriegsausbruch. Anna Bulling hingegen hegte in ihrer ersten Tagebuch-Notiz nach Kriegsausbruch eher Zweifel am Sinn dieses Krieges. Sie schrieb, dass in den vergangenen Kriegen gegen Frankreich zuerst die Freiheit und dann die Einheit erkämpft wurden. Wozu sollte man einen neuen Krieg beginnen? Man besaß schon alles, um glücklich zu sein.

In ihren Briefen an den Sohn verschwieg sie diese Zweifel. Nur wenige Tage später schrieb sie von ihrer Hoffnung, dass das ganze deutsche Volk einig, stark und opferwillig den Sieg erringen möge. Politische Zweifel wurden schließlich zurück gestellt. Auch Karls Schwester Elli sprach mit großem Respekt vom Dienst ihres Bruders für die Heimat. "Nun wollte ich Dir noch sagen, dass Du Dich nicht bei mir bedanken sollst. Ihr Soldaten tut ja viel mehr für uns, als wir es jemals für Euch könnten." (Elli an Karl, 26.01.1915) Dies zeigt, wie kompliziert und widersprüchlich die Gefühlslage zu Beginn des Krieges war.

 

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