Fundstück: Walrosszahn

Elfenbeinschnitzerei aus dem 19. Jahrhundert

Foto: Stadtmuseum Oldenburg
Gravierter Walrosszahn mit Schriftzug "Whaler Lion", um 1827. Foto: Stadtmuseum Oldenburg

Es befindet sich so manches Stück in der Sammlung unseres Museums, dessen Anblick den heutigen Betrachter eher nachdenklich macht. Dazu gehört auch eine Elfenbeinschnitzerei, genauer ein bearbeiteter Walrosszahn. Er kam mit einer Sammlung verschiedener Gegenstände als Schenkung ins Haus. Es handelt sich um einen Zahn von 9 cm Länge und einem Durchmesser von 3,5 cm. Auf der Außenseite ist eine Szene des Walfangs eingeritzt, auf der Innenseite eine Obstschale als Dekorelement mit der Umschrift „Whaler Lion 1827“. Dafür wurde der blank polierte Zahn mit feinen Werkzeugen bearbeitet und mit Farbe abgerieben, die in den gravierten Stellen hängen blieb und so das Motiv sichtbar werden ließ.

Elfenbeinschnitzereien gehören zu den ältesten überlieferten menschlichen Zeugnissen. Die frühesten Funde stammen aus der Steinzeit. Das Elfenbein des Mammuts wurde zur Herstellung von Gebrauchs- und Schmuckgegenständen verwendet. Neben Mammut-Elfenbein wurden und werden hauptsächlich die Stoßzähne von Elefanten verarbeitet. Aber auch die Stoß- und Eckzähne von mehreren Wal-Arten, Flusspferden und Walrössern dienen als Material. Elfenbein ist aufgrund seiner Seltenheit und Schönheit ein kostbarer Rohstoff. Beginnend mit der Kolonisierung auf dem afrikanischen Kontinent durch europäische Völker wurden immer mehr afrikanische Elefanten wegen ihres Elfenbeins bejagt, was zu einer Gefährdung der Tierart führte. Heute ist der Handel mit Elfenbein größtenteils verboten, allerdings findet illegaler Handel mit gewilderten Stoßzähnen vor allem für den asiatischen Markt weiterhin statt.

Foto: Stadtmuseum Oldenburg
Gravierter Walrosszahn mit Walfang-Szene, um 1827. Foto: Stadtmuseum Oldenburg

Verzierte Walrosszähne wurden von Walfängern im 18. und 19. Jahrhundert hergestellt. Sie vertrieben sich die freie Zeit auf den Schiffen zwischen den Jagden mit dem Gravieren der Zähne von Beutetieren. Neben den Stoßzähnen von Walrössern waren das hauptsächlich Pottwalzähne. Motiv der Mitbringsel war häufig der Walfang, also die tägliche Arbeit der Schnitzenden. Unser Stück zeigt ein Walfang-Schiff, neben dem zwei Boote mit Walfängern vermutlich bereits harpunierten, verletzten Walen entgegen rudern. Hinter einer Felsformation ist ein zweiter großer Segler zu sehen. Der Schriftzug auf der Innenseite verrät, dass es sich um das Walfang-Schiff „Lion“ handelt, das um das Jahr 1827 auf See war. Walfang diente vor allem der Gewinnung von Tran (ein Fett), der als Brennstoff und als Grundstoff zur Margarine-, Kerzen- und Seifenherstellung verwendet wurde. Mit der beginnenden Erdölindustrie im späten 19. Jahrhundert wurde Tran zunehmend durch Petroleum ersetzt. Inzwischen übernehmen überwiegend Pflanzenfette die Funktionen von Tran. Walfang ist in den meisten Staaten verboten, allerdings wird vor allem in Japan weiterhin Walfang zu wissenschaftlichen Zwecken betrieben. Auf Walrösser, eine Robbenart der Nordhalbkugel, wurde seit dem 16. Jahrhundert Jagd gemacht, um an die wertvollen Eckzähne zu gelangen. Im 19. Jahrhundert und bis in die 1930er Jahre des 20. Jahrhunderts war das Walross beinahe ausgerottet. Heute ist die Jagd und Verwertung nur arktischen Völkern gestattet.

Gravierte Walrosszähne gehören zu den importierten Kunstprodukten, die sich in gehobenen Kreisen im 19. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreuten. Sie erzählen von fernen Ländern und fremden Welten. Zusammen mit Objekten des antiken Griechenlands, Porzellan aus China oder Kunst indigener Völker schmückten sie das eigene Zuhause und waren begehrtes Sammelobjekt.