Jüdische Gemeinde erhält Grundstein der alten Synagoge zurück

Foto: Sascha Stüber
Sabine Stührholdt (Stadtmuseum), Oberbürgermeister Jürgen Krogmann, Dr. Elisabeth Schlesinger, Ernst Sittig (beide Jüdische Gemeinde zu Oldenburg) und Rabbinerin Alina Treiger mit dem Grundstein der alten Synagoge (von links). Foto: Sascha Stüber

Grundstein bleibt als Leihgabe weiter am Stadtmuseum Oldenburg

Die Jüdische Gemeinde zu Oldenburg hat in einem Festakt am Mittwoch, 19. Juni 2019, offiziell den Grundstein der alten Oldenburger Synagoge zurückerhalten. Der Grundstein befand sich lange Jahre im Bestand des Stadtmuseums Oldenburg und konnte im Zuge der dortigen Provenienzforschung nun als verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut restituiert werden. „Wir freuen uns sehr, der Jüdischen Gemeinde heute offiziell den Grundstein der 1938 zerstörten Synagoge zurückgeben zu können“, sagt Oberbürgermeister Jürgen Krogmann.

„Dass der Grundstein von nun an als Leihgabe im Stadtmuseum bleibt, drückt zugleich die enge Verbundenheit zwischen der Gemeinde und der Stadt Oldenburg aus und hält die Erinnerung an das entstandene Unrecht auch in Zukunft wach“, so Krogmann weiter. Sowohl der Grundstein als auch wesentliche Teile des ehemaligen Inhalts werden ab Sommer 2019 im Stadtmuseum ausgestellt werden. Als Teil der Dauerausstellung auch im späteren Neubau des Museums ist der symbolhaltige Stein ein wichtiger materieller Zeitzeuge, um an die Geschichte der Jüdinnen und Juden in Oldenburg und die Verbrechen der NS-Zeit zu erinnern, wie Dr. Elisabeth Schlesinger, erste Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Oldenburg, betont: „Gerne geben wir den restituierten Grundstein der 1938 zerstörten Oldenburger Vorkriegs-Synagoge als steinernen Zeugen und als Dauerleihgabe an das Oldenburger Stadtmuseum. Erinnern und Lernen: Für das jüdische Volk ist das von jeher ganz essentiell und es deckt sich mit dem Auftrag eines Museums.“

Erinnern weiter von Bedeutung
Das Erinnern habe nicht an Bedeutung verloren, ganz im Gegenteil, so Schlesinger in ihrer Rede: „Die Zeit der Weimarer Republik ist sicherlich nicht mit der heutigen Zeit zu vergleichen. Aber in mancherlei Hinsicht wecken die aktuellen politischen Entwicklungen in Deutschland, in Europa und auch weltweit mit dem wieder aufkeimenden Nationalismus und dem Erstarken der rechtspopulistischen Bewegungen und Parteien ungute Erinnerungen und Befürchtungen, nicht nur bei jüdischen Menschen. Die verhängnisvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts soll sich nicht in abgewandelter Form wiederholen!“

Provenienzforschung am Stadtmuseum
Die Restitution des Grundsteins wurde durch die aktuelle Provenienzforschung am Stadtmuseum ermöglicht. Im Zentrum steht dabei, die Sammlungsbestände gezielt auf ehemals jüdisches Eigentum zu überprüfen, das während der nationalsozialistischen Herrschaft von 1933 bis 1945 oder in späteren Jahren unrechtmäßig den Besitzer wechselte. Das langfristige Projekt wird von der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste finanziell unterstützt und läuft noch bis 2020.

Geschichte des Grundsteins

Der Grundstein war 1854 in der Peterstraße im Beisein von Großherzog Nicolaus Friedrich Peter, Regierungsvertretern und Geistlichen der christlichen Gemeinden feierlich gelegt worden. In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 setzten die Nationalsozialisten die Synagoge in Brand und zerstörten sie. 1959 tauchte der Grundstein bei Bauarbeiten wieder auf. Während sein Inhalt damals an die Jüdische Kultusvereinigung zu Oldenburg e. V. übergeben wurde, gelangte der leere Stein, bestehend aus zwei großen gehöhlten Sandsteinhälften, in die Sammlungen des Stadtmuseums Oldenburg. Obwohl der Stein noch 1988 in der Sonderausstellung „Die Geschichte der Oldenburger Juden und ihre Vernichtung“ gezeigt wurde, geriet er zunächst in Vergessenheit.

Inhalt des Grundsteins
Der ursprüngliche Inhalt des Steins befindet sich heute im Besitz des Braunschweigischen Landesmuseums und umfasst zwei gravierte Platten, zwei Münzen und eine Zeitkapsel, die das Stadtmuseum Oldenburg als Leihgaben erhält. Darüber hinaus enthielt er eine Grundrissskizze, eine Glaubens- und Pflichtenlehre, ein Gesetzesblatt und einen Zeitungsauschnitt, die derzeit allerdings aus restauratorischen Gründen nicht ausgestellt werden können.